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Rezension von "Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit" Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit, Ulrich Mählert (Hg.), 3-8012-4133-5, 320 Seiten, EUR 26.00 Das im Dietz-Verlag erschienene Buch „Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit“ setzt sich aus Beiträgen von zehn AutorInnen zusammen. Entsprechend uneinheitlich ist die Gesamtwirkung des Sammelbandes. Teilweise treten Wiederholungen auf, diese lassen sich jedoch leicht verschmerzen, hinsichtlich der Vielfalt an Fakten und Sichtweisen, die dadurch zum 17. Juni 1953 geliefert werden. In einer kurzen Einleitung betont der Herausgeber Ulrich Mählert die Bedeutung der „fortwirkenden gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Traditionen“ als wichtige Voraussetzungen für den Volksaufstand. Diese lassen sich jedoch in sehr unterschiedlichem Maße ausmachen. Die inhaltliche Verbundenheit zur Friedrich-Ebert-Stiftung , ihr wird in der Einleitung für ihre Unterstützung gedankt, spiegelt sich in diesem Anliegen wieder. Geschichtliche Gründe und regionale Besonderheiten werden durch die einzelnen Beiträge als entscheidende Größen des Aufstandes herausgestellt. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Aufstandsverläufen in bestimmten Regionen und nimmt gut die Hälfte des Buches ein. Dabei stehen mit Ost-Berlin, Leipzig, Jena und dem Bezirk Halle die bekanntesten Zentren des Aufstandes im Vordergrund. Aufmerksamkeit finden jedoch auch „ruhigere Gebiete“, wie die Bezirke Potsdam und Rostock oder die Stadt Görlitz, mit ihrer vergleichsweise weit gediehenen Umwälzung. Das Übergewicht an stark industrialisierten Aufstandsgebieten erklärt sich größtenteils durch den Arbeitsschwerpunkt sozialdemokratische Traditionen herauszustellen, die hier strukturbedingt eher zu finden sind. Einen herausragenden Beitrag steuerte Udo Grashoff bei. Sein Abschnitt „Bezirk Halle: Aufruhr im „Blutroten Herzen Deutschlands““ offenbart mit seinen Stärken zugleich die Mängel der übrigen AutorInnen, selbstverständlich in unterschiedlich deutlicher Ausprägung. Erfolgreich werden die politischen Überzeugungen der Aufständischen im Bezirk Halle nicht bei einem „einig gegen die SED“ belassen, sondern näher aufgeschlüsselt. So rüttelt die nähere Analyse an der, oft behaupteten, streng anti-kommunistischen Ausrichtung des Aufstandes. Diese Differenzierung zwischen nominell-sozialistischer Praxis und kommunistischer Theorie wird in einigen Artikeln vernachlässigt. Die wirklichkeitsverzerrende Rhetorik der SED-Regierung wird oftmals übernommen und gegen die Parteidiktatur angewandt. Sinnvoll dagegen wäre die Offenlegung der Kluft zwischen propagiertem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Beispielhaft hierfür eine Formulierung Mählerts aus der Einleitung: die SED habe „den Klassenkampf gegen die eigene Bevölkerung verschärft“. Die klassenkämpferische Theorie ignorierend wird hier ein Element der SED-Phraseologie aufgegriffen und gegen sie gewandt. Dabei ignoriert der Herausgeber, dass staatliche Zwänge und autokratische Herrschaftsstruktur der DDR die Klassenkampfrhetorik nur pflegten um eine Scheinlegitimation zu erzeugen, was ihnen erfreulicherweise in den wenigsten Fällen gelang. Im zweiten Kapitel „Menschen machen Geschichte“ werden Einzelpersonen in den Mittelpunkt der Darstellung gerückt. Die „Einzelschicksale“ sind nach den vorher abgehandelten Regionen ausgewählt und liefern so das wechselseitige Verhältnis zwischen strukturellen und individuellen Momenten dieses historischen Ereignisses. Im Vordergrund dieser Fallstudien stehen SozialdemokratInnen, die unterschiedlichste Widerstandsformen praktizierten. Versucht wird den 17. Juni in einen kontinuierlichen sozialdemokratischen Widerstand einzureihen, zu selten wird dabei der Bezug zur Gesamtsituation der Regimegegnerschaft hergestellt. Eine zusätzliche Komponente die hier Eingang in die Betrachtung findet ist die Zufälligkeit einzelner Schicksale. So das Schicksal eines Görlitzer Aufständischen der aufgrund seiner Körpergröße wiedererkannt, zum Rädelsführer erklärt und fast zehn Jahre gefangen gehalten wurde. Den Abschluss des zweiten Kapitels bildet ein Bericht, der im Frühjahr 1954 von einem Teilnehmer des Aufstandes in Ost-Berlin verfasst wurde. Immer unter dem Vorbehalt der Subjektivität, bergen diese Zeitzeugeneindrücke ein hohes Maß an Authentizität und beantworten zahlreiche Fragen zu den konkreten Abläufen der Aufstandserscheinungen, etwa die Reaktion der DemonstrantInnen auf die Bekanntgabe des Ministers Selbmann, dass die Regierung bereits die Normerhöhung zurück genommen hat. Von der Rezeptionsgeschichte des Aufstandes, in den beiden deutschen Staaten, handelt das letzte und kürzeste Kapitel. In groben Zügen geht hier der Autor auf die konstruierte Staatsinterpretation der DDR („faschistischer Putschversuch“) ein und skizziert die wechselnden Geschichtsbilder des 17. Junis in der BRD. Leider bleibt dieser Teil des Kapitels in einem sehr unzulänglichen Raster (Union vs. Sozialdemokratie) hängen. Verzichten muss das Publikum auf seitenpräsente Fußnoten und jegliche Form von Register, abgesehen von einer Liste weiterführender Literatur. Fast alle Kapitel sind mit zahlreichen Abbildungen versehen. Abgesehen von einigen sozialdemokratischen Überbetonungen vermitteln die regionalen Berichte, in Verbindung mit den biographischen Skizzen, ein durchaus zutreffendes Bild des Volksaufstandes. Note: 3
Ulf Otten linkesbuch.de |
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