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Rezension von "Der 17. Juni 1953" Der 17. Juni 1953 - Legende und Wirklichkeit., Volker Koop, 3-88680-748-7, 423 Seiten, EUR 24.90 Legende und Wirklichkeit - diesen beiden Aspekten des Untertitels folgt das Buch unter Beachtung der Quellengrundlagen. Mit seiner differenzierten Darstellung wird der Autor seiner Aufgabenstellung weitestgehend gerecht. Die Ursachen und Entwicklungslinien die zum Aufstand des 17. Juni führten sind thematisch, nicht chronologisch geordnet. Dadurch ist die Wissensdichte höher und etwas schwerer verständlich, als die chronologisch erzählten Abschnitte. Der Vorteil dieses Kapitels liegt in seiner Ausführlichkeit. Die Schilderung des Aufstandes selbst ist gegliedert nach den Bezirken, Kreisen und Städten der DDR, teilweise erschwert die geographische Herangehensweise das Verständnis aufgrund der Vielzahl und Gleichartigkeit der Ereignisse. Mit zahlreichen Unterüberschriften wird diesem Trend entgegengewirkt und das Erzählte zusätzlich nach Sinneinheiten gegliedert. Grundlage für die Aufstandsschilderung sind bei Koop hauptsächlich die Berichte der regionalen Volkspolizeigliederungen, sie „sind weitaus detaillierter und – wie es den Anschein hat – vor allem authentischer“. Diese Autorenansicht ist durchaus schlüssig und logisch. Waren doch die unteren Exekutivorgane auf eine möglichst genaue Wahrnehmung des Geschehens angewiesen, um ihr eigenes Vorgehen zu koordinieren. Des weiteren sprechen zeitliche Aspekte und das Fehlen politischer Rücksichtnahmen (wie bei den später erstellten MfS-Berichten klar ersichtlich) für die Realitätsnähe dieser Quellen. Abschluss der regionalen Schilderungen bildet jeweils ein qualitativ und quantitativ orientiertes Fazit. Weitestgehend vernachlässigt werden die SED–internen Auseinandersetzungen. So wird die Urheberschaft des bedeutsamen Neues Deutschland-Artikels „Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen“ undifferenziert als SED-Werk dargestellt und verschweigt damit die Gegensätze zwischen dem hierfür verantwortlichen ND-Chefredakteur Herrnstadt und Ulbricht. Den konstruierten Infiltrationstheorien der SED-Regierung begegnet Koop wiederum sehr überzeugend, so werden die Einflussmöglichkeiten und Einflussgrenzen des RIAS gründlich und stichhaltig analysiert. Die Details des Ost-Berliner Aufstandes werden nur stichwortartig und skizzenhaft aufgelistet, jedoch unter Berücksichtigung der jeweiligen Ost-Berliner Stadtteile. Unerwähnt bleibt dabei die materiell und prestigemäßig herausragende Stellung der Bauarbeiter der Stalinallee, obwohl diese Aspekte für die Analyse des Aufstandes wichtig sind.
Gründlich abgehandelt wird die Rolle der BRD, dies gilt für alle Phasen des Aufstandes. So nehmen Interzonenhandel und Fluchtproblematik bei der Ursachenschilderung einen breiten Raum ein, ebenso wie die westberliner Lebensmittellieferungen nach der Niederschlagung des Aufstandes. Dem Autor gelingt darüber hinaus die Einbettung der deutschen Ereignisse in einen mitteleuropäischen Kontext, beispielsweise mit dem Blick auf die Lage der Tschechoslowakei in den ersten Junitagen 1953. Mit der Behauptung, „die sinnvolle Trennung von Ökonomie und Politik“ sei von der SED aufgehoben worden, stellt Koop eine unklare These auf, die der Unterfütterung bedürfte. Bedauerlicherweise kommen bei den Folgen des Aufstandes die Erleichterungen der SED-Regierung zu kurz, die eine staatsbejahenden Haltung bei der Bevölkerung erzeugen sollten. Dagegen sind die repressiven Maßnahmen umfassend angeführt. Das „Nachspiel“ des Aufstandes von Seiten der Bevölkerung (spätere Streiks in ländlichen Gebieten u. a.) findet ebenfalls genügend Aufmerksamkeit in der Darstellung. Unzureichend interpretiert bleiben bestimmte Symbole der Aufständischen. Denn trotz der dynamischen Aufstandsentwicklung und dem damit verbundenen improvisierten Auftreten gab es einige Identifikationsmomente, so z. B. das Singen des Schlesier- und Deutschlandliedes, oder das Mitführen von Deutschlandfahnen. Diese Facetten des Aufstandes werden mehr beschrieben, als bewertet. Ein umfangreicher Anhang vervollständigt den positiven Gesamteindruck dieses Buches; 50seitiger Quellenapparat, Abbildungen und Statistiken (nicht nur im Anhang) runden den erzählten Teil ab. Wehrmutstropfen dabei die nicht seitenpräsenten Fußnoten, fehlende Karten und eine verhältnismäßig kurze Liste an Auswahlliteratur. Das selbstgesteckte Ziel, den Mangel an „umfassenden Gesamtdarstellungen“ über den 17. Juni 1953 zu beseitigen, hat Koop vollauf erreicht.
Ulf Otten linkesbuch.de |
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