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Rezension von "Macht, Herrschaft, Emanzipation" Macht, Herrschaft, Emanzipation - Aspekte anarchistischer Staatskritik, Michael Wilk, Januar 1999, 3-931786-16-1, 138 Seiten, EUR 10.00 Das Buch stellt eine Zusammenfassung und Erweiterung von Veröffentlichungen in der Zeitschrift „Schwarzer Faden“ und dem Buch „Der Malstrom“ (ebenfalls Trotzdem Verlag) dar, das von Wolfgang Haug und Michael Wilk verfasst wurde. Im Anfangskapitel entwickelt Wilk anhand von Theorieklassikern wie Bakunin, Fromm, Mühsam oder auch Weber seine Fragestellungen und Lösungsansätze im Bezug auf das Verhältnis zwischen libertärer Politik und Macht. Veranschaulicht wird dieser eher trockene Teil durch historische Beispiele aus der Oktoberrevolution und dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Brücke zur BRD-Gegenwartssituation wird über die sozialen Bewegungen im Gefolge von `68 geschlagen. Hier wird der Wandel von der (ausschließlich) repressiven zur integrierenden Machtstruktur in den Vordergrund gestellt. Die Praxis der aktuellen (Staats-) Macht, sieht eine Anwendung direkter Repressionen nur vor, wenn die begrenzten Angebote ein Bestandteil der vorherrschenden Macht zu werden abgeschlagen werden. Systemstabilität in der Jetztzeit zeichnet sich hauptsächlich durch die Fähigkeit aus Abweichungen innerhalb des Systems zuzulassen und produktiv zu nutzen. Der geschichtliche Kurzabriss der BRD geht von der Anti-AKW-Bewegung über die Stadtguerillaprojekte bis in die Gegenwart von Rot/Grün und damit dem totalen Scheitern des „Ganges durch die Institutionen“ um diese von Innen heraus zu verändern. Denn die Entwicklung der Grünen ist vielleicht das bekannteste Beispiel einer überaus erfolgreichen Integration. Mit einer ideengeschichtlichen Erklärung des Begriffes „Emanzipation“ beschäftigt sich das zweite Kapitel. Marx wird im Bezug auf Emanzipation eine Überbewertung des Faktors Arbeit vorgeworfen. Die Analyse des Realsozialismus beruht auf der These, der Marxismus hätte die staatliche Macht nicht allumfassend in Frage gestellt. Eine deutlichere Abgrenzung zwischen den Theorien von Marx und den praktischen Umsetzungen, die sich auf Marx berufen, fehlt bedauerlicherweise. Die Emanzipation im libertären Sinne hat als Ziel eine eigenständige permanente Anzweiflung der bestehenden Grenzen und gegebenenfalls deren Überwindung. Eine genauere Betrachtung der derzeitigen Machtstrukturen führt im dritten Kapitel zu einer näheren Aufschlüsselung, wie sich emanzipative Prozesse ausführen lassen. Unterteilt werden diese Anregungen in Strategien für Gruppen und solche die einzelne Menschen verwirklichen können. Deutlich abgestraft wird dabei die ständig propagierte Masche die Verantwortung systembedingter Schwierigkeiten auf das Individuum „abzuladen“. Dieses Kapitel vollbringt es trotz einer sehr ernüchternden Gegenwart einen gewissen Optimismus zu verbreiten. Denn ein Aufleben emanzipatorischer Denkweisen kann bereits durch individuelle Nichteingliederung bewirkt werden. An alle LeserInnen, die einen libertären Politikansatz vertreten geht der Appell die Scheu vor der Macht abzulegen und einen verantwortungsvollen Umgang mit derselben zu pflegen. Denn die Auflösung der bestehenden Machtstrukturen funktioniert nur über die Erringung von Gegenmacht, die zum richtigen, also emanzipatorischen Zwecke eingesetzt wird. Auch innerhalb (vermeintlich) emanzipatorischer Polit-Gruppen gelten ungerechtfertigte Machtverteilungen, die oftmals ungenügend reflektiert werden. Gewissenhafte Hinterfragung darf insbesondere bei diesen Szenchen nicht fehlen. Als besonders schwierig gelten dabei diejenigen Gruppen, die über eine informelle Machtverteilung verfügen und gleichzeitig ihre Hierarchielosigkeit betonen. Mit diesem Abschnitt weist Wilk auf ein leider nur selten thematisiertes Problem hin. Entlarvung herrschaftserhaltender Mythen ist das Thema des vierten Kapitels. Zum Schlagwort „Standortsicherung“ wird eine kleine Bestandsaufnahme des BRD-Kapitalismus 1996/97 geliefert und besonders die Ideologie der Gewerkschaften hinterfragt, zumindest wie sie sich offiziell darstellen. Um die Haltungen der Gewerkschaften geht es auch bei der Zerlegung des Konstruktes „Sozialpartnerschaft“. Viel Neues, abgesehen von einigen Zahlen, wird zu diesen Themen nicht geliefert. Dies gilt auch für die Stellen über den Abbau des Sozialstaates in der BRD, die eine Einbettung der vorangegangenen Themen in die gesamtgesellschaftliche Situation darstellt. Spannend wird es dagegen wieder bei dem Abschnitt „Menetekel Globalisierung?“. Abstrusen ATTAC-Argumentationen wird hier die wohlverdiente Abfuhr erteilt. Vielmehr werden die individuellen Folgen dieses Prozesses beschrieben und unterschieden zwischen: „realen Momenten ökonomischer Veränderungen und der Fiktion eines bedrohlichen Szenarios.“ Richtig praktisch wird’s noch einmal im Abschlusskapitel. Der Kampf gegen den Ausbau des Flughafens Rhein-Main/die Startbahn West ist gewissermaßen ein Heimspiel für den Autoren. Kenntnisreich und zutreffend wird der Konflikt bis zur Gegenwart dargestellt, dabei werden vorangegangene Aspekte des Buches aufgegriffen. Mit dem Mediationsverfahren wird eine immer populärer werdende Methode integrierender Herrschaft erklärt, die auf eine Umwandlung von Protest in Diskussion abzielt. Dieses Verfahren kann zugleich als Sinnbild für die Herrschaft durch Integration gesehen werden, denn von vornherein steht fest, wie weit mensch an der Macht beteiligt wird, nämlich nur soweit, dass er deren Bestand nicht gefährdet; doch Grenzen sind zum überschreiten. Ärgerlicherweise sind die Fußnoten nicht seitenpräsent, dennoch: als Einstiegswerk in eine zeitgemäße libertäre Staatskritik unbedingt empfehlenswert! |
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